Unterrichtsthema im Fach Kunst: Ästhetische Biografien

Der Grundkurs Kunst der Q2 hat, ausgehend von den Installationen des französischen Spurensicherungskünstlers Christian Boltanski sowie von Vanitasstillleben des Barock, ästhetische Biografien zu fiktiven Personen gestaltet, die irgendwann im 20. Jahrhundert gelebt haben. Die Schülerinnen und Schüler hatten die Gelegenheit, ihre eigenen künstlerischen Stärken schwerpunktmäßig einzubringen. Dabei entstanden ganz individuelle und vielfältige Projekte mit vielen verschiedenen Wegen und Umwegen. Unter anderem haben die Schüler alte Dokumente, wie etwa Briefe, Zeitungsartikel, Urkunden, Steckbriefe u. Ä. sowie Gegenstände, gefälscht und mit Kaffee, Feuerzeugen und nasser Erde verfremdet, um sie sehr alt aussehen zu lassen. Es wurde geschrieben, gezeichnet, gemalt, gesägt, gehämmert, geschmiedet, genäht, gestickt, geklebt, modelliert, digital bearbeitet und vor allem, wie bei den Spurensicherungskünstlern, gesammelt und arrangiert. Mehrere der Installationen enthalten gezielt eingefügte Vanitassymbole, zum Beispiel eine erloschene Kerze, Schmuck und verwelkte Blumen, eine Anspielung auf die Vergänglichkeit alles Irdischen.
So entstanden ästhetische Biografien von deutschen und englischen Soldaten des Ersten und des Zweiten Weltkrieges, von im Krieg zurückgelassenen Ehefrauen, der Protagonistin einer tragischen Liebesgeschichte, einem Künstler, einem US-Präsidenten und einer noch heute lebenden Person, die diverse historische Ereignisse der Vergangenheit erlebt hat. Außerdem wurde die ästhetische Biografie eines Deutschlehrers erstellt, der im Zweiten Weltkrieg in die Armee einberufen wurde und seinen Schreibtisch plötzlich verlassen musste.
Die Installationen sind zurzeit im Zwischengeschoss des Albert Einstein Gymnasiums (in der Nähe des Lehrerzimmers) zu bewundern und zu bestaunen.
I. Hilberath

Die einzelnen ästhetischen Biografien

Johnny English (von: Atdhe Zekaj)
Johnny English ist ein Künstler, der irgendwann im 20. Jahrhundert gelebt hat und dessen Selbstportrait und weitere persönliche Gegenstände nach langer Zeit im Wald gefunden wurden.
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Rosalinde Köpeke (von: Jennifer Borgart)
Rosalinde ist eine während des Zweiten Weltkrieges von ihrem Ehemann und Soldat Walter daheim zurückgelassene Ehefrau. Sie erhielt viele Briefe von ihm und auch ein aus seiner Erinnerung heraus von ihr gezeichnetes Portrait. So ähnlich muss sie also ausgesehen haben. Doch von Walter, der eigentlich an der Front kämpfen sollte, fehlte jede Spur. Ihre Briefe an ihn kamen immer wieder zurück, und somit konnte er auch nicht erfahren, dass sie ein gemeinsames, mittlerweile ein Jahr altes Kind hatten. Rosalinde war eine mutige Frau und machte sich, zusammen mit wichtigen Dokumenten und persönlichen Gegenständen auf die Suche nach ihrem Liebsten…

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Arndt Kronberg (von: Matthias Spieker)
Arndt Kronberg ist ein Soldat aus dem Ersten Weltkrieg, der in seinen Briefen an seine Liebste vor allem seine dramatischen und grausamen Kriegserlebnisse schildert.
Aus einer Munition hat er einen Ring für sie angefertigt.

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Auszüge aus der ästhetischen Biografie:                                          

23.11.1914
Geliebte Marie,
hier an der Front herrschen schreckliche Zustände. Täglich werden dutzende Männer vom Feind erschossen und noch mehr werden verwundet. Häufig lässt es der Beschuss durch den Gegner nicht zu, die verwundeten und toten Kameraden aus dem Niemandsland zu bergen und sie zu versorgen oder sie angemessen zu bestatten.
Täglich kommen neue Soldaten zur Verstärkung. Unter ihnen sind vor allem euphorisierte Studenten, welche schnell der Realität ins Auge blicken müssen und sich genauso vor einem Angriff fürchten wie die vielen Arbeiter und Bauern.
In den Gräben herrscht ebenfalls eine fürchterliche Atmosphäre. Die Nahrung ist knapp und die Anzahl der Sanitäter reicht kaum aus, um die Verwundeten zu versorgen. Auch die Kälte macht uns allen hier zu schaffen. Es fehlen Decken und ein wärmendes Feuer, da der Rauch dem Gegner unsere Position verraten könnte.
Einzig und allein die Ratten fühlen sich bei dem ganzen Elend wohl. Sie laben sich an den toten Körpern der gefallenen Kameraden im Niemandsland und überfallen unsere spärlichen Vorräte. Es muss unbedingt etwas geschehen, denn lange halten wir es nicht mehr aus.
Alles Liebe,
dein Arndt.                                        

18.12.1914
Geliebte Marie,
wir haben mittlerweile einen Weg gefunden, das Problem mit den Ratten zu bewältigen. Wir bejagen sie mit allen erdenklichen Mitteln. Wie du auf dem beigefügten Foto erkennen kannst, durchaus mit großem Erfolg.
Andere Dinge an der Front sind weniger erheiternd. Gerade die Kälte hat im Dezember noch einmal zugenommen. Manchen Kameraden friert ein Bein ab. Sie bekommen es dann abgenommen und werden ins Lazarett gebracht. Ihnen ergeht es dann noch besser als denen, die weiter im Graben verharren müssen.
Wie ergeht es dir und unserem Sohn? Habt ihr gut zu Essen und ist es warm? Wie entwickelt sich unser zweites Kind? Ist es bald soweit?
Bitte sende mir dich ein Photo von euch,
dein Arndt

 

Jack the Ripper (von: Lucas Kracht)
Bei diesem Kunstwerk handelt es sich um die Ermittlungsarbeiten der Kriminalpolizei zum Serienmörder Jack the Ripper. Recherchierte historische Fakten wurden mit ausgedachten vermischt, und verschiedene Beweise und Indizien zu den einzelnen Morden sind auf einer alten, verfremdeten Korkwand angeordnet worden.

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Ermittlungsarbeiten der Kriminalpolizei zu den Verbrechen eines Mörders (von: Lucas Kracht)

Jack the Ripper war ein psychisch kranker Serienmörder. Seine Morde und die damaligen Ermittlungsarbeiten der Kriminalpolizei können an einer alten, durch die Zeit zerfallenden Kork-Pinnwand nachempfunden werden.


Lilian Catherine Erans (von: Luisa Alzer)
Lilian hatte nur ein kurzes Leben, denn sie ist mit 21 Jahren an Tuberkulose gestorben. Ihr Ehemann Henry Wilhelm Gruber, mit dem sie einen gemeinsamen Kinderwunsch hatte, der jedoch durch ihren Tod unerfüllt blieb, bewahrte nach ihrem Tod alle ihm verbleibenden persönlichen Gegenstände und Dokumente seiner Lilian in ihrem Geigenkoffer auf. Auf ihren Wunsch im Sterbebett hin hat er ihre Geige an ein befreundetes Nachbarskind verschenkt.
Unter den Gegenständen befindet sich auch ein mit Perlen besticktes Handtäschchen.
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Auszüge aus der ästhetischen Biografie:

Liebste Lil!
Ich kann es kaum erwarten, Dich endlich in meine Arme zu schließen. Zu groß ist meine Sehnsucht, um noch länger zu warten. Camebridge ist ein wundervoller Ort und die Architektur von solch einer Pracht, dass selbst die Sonne ins Staunen gerät, wenn sie hinter der Kirche aufgeht und ihre wärmenden Sonnenstrahlen das Kirchenschiff mit einem bunten Farbenspiel verzaubert. Es lässt mich von Dir phantasieren, von dem Tag, an dem ich Dich das erste Mal erblickte, von Deinen zarten Lippen und Deinem weichen Haar, von Deinem Violinenspiel und Deinem Lachen, das wie eintausend Sonnen strahlt.
Für Montag in der Früh um 6 Uhr ist die Kutsche bestellt. Verwahre das Ticket gut, und um die Bezahlung des Kutschers mache Dir keine Gedanken.
Ich werde auf Dich am Hafen warten und mit weißem Tuche Dir winken.
In Liebe,
H.


Liebster Henry!
Auch ich kann es nicht mehr erwarten, Dich wiederzusehen. Alleine der Gedanke lässt mein Herz wie wild in meiner Brust hämmern.
Ich vermisse Dein Lachen, Deine Berührungen, Deine Küsse. Deine Vorträge über die Physik, Deine Skizzen auf den Zeitungsrändern, Deinen Geruch. Ich vermisse Dich.
Ich vermag meine Gefühle nicht einmal in Worte zu fassen.
Als ich Deinen Brief heute Morgen las, habe ich sofort begonnen, meinen Koffer zu packen. Die Nervosität lässt meinen Bauch verkrampfen und schnürrt mir die Kehle zu, nimmt mir gar die Luft zum Atmen.
Seit über zwei Stunden sitze ich nun hier in meiner Kammer und suche nach den richtigen Worten. Ich suche nach Worten, die so unauffindbar erscheinen, dass ich glaube, es gibt nicht dir richtigen Worte für den Abschied von den Menschen, die mich groß gezogen haben, mich mein ganzen Leben lang gepflegt haben. Ich glaube, es gibt nur passende oder unangebrachte Worte, aber nicht die richtigen.
Die Sprache bereitet mir ebenfalls Sorgen. Meine Kindheit, in der ich das letzte Mal Gebrauch des Englischen gemacht habe, scheint mir Lichtjahre entfernt.
Denoch fühlt es sich an, als würde ich endlich nach Hause reisen, endlich ankommen, mein Glück in die Arme schließen und leben, mit Dir an meiner Seite.
Ich liebe Dich!
Deine Lilian

 

Heinrich Müller (von: Tim Schneider)
Heinrich Müller ist ein Deutschlehrer, der im Zweiten Weltkrieg in die Armee einberufen wurde und seinen Schreibtisch sehr schnell verlassen musste. Nicht korrigierte Aufsätze und Unordnung zeugen vom plötzlichen Aufbruch.

 

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Fantasiegeschichte


Es war einmal in einer schönen Welt ohne Krieg, ohne eingestürzte Häuser und mit meinem Vater, der nicht Soldat sein muss und mit mir spielen kann.
Es ist eine friedvolle Welt, in der nicht alles dreckig ist, sondern noch alles grün ist und es nur nette Menschen gibt. Hier leben sogar Fabelwesen, ich habe sogar eins. Mein Papa hat mir zum Geburtstag ein Einhorn geschenkt. Ich habe sie Sissy genannt. Sie ist wunderschön, genau wie meine Mama.
In dieser Welt ist Mama auch glücklich, weil Papa noch lebt und wir eine Familie sein können (…).Auszug aus einem Brief Heinrich Müllers an seinen Bruder während seines Dienstes bei der Armee:

(…) Es ist ein sehr ungewohntes Leben, zum Beispiel haben wir uns seit vier Tagen nicht mehr waschen können, aber das ist hier das kleinste Problem. Ständig sagt man uns, dass wir nicht aufhören sollen, zu hoffen. Die Kriegslage momentan ist nicht gerade schön, soviel Leid habe ich noch nie gesehen. Manchmal denke ich mir, welch ein Glück ich habe, noch am Leben zu sein. Ich weiß gar nicht mehr, warum dieser elendige Krieg angefangen hat. Es ist so, als würde es kein Ende mehr nehmen. Jeden Tag bete ich zum lieben Gott, jeden verdammten Tag!!! Er hat meine beziehungsweise unsere Gebete anscheinend nicht erhört oder will er sie nicht erhören? Ich halte das nicht mehr aus. Bruder, hol mich hier raus! Bitte!
Elisabeth (von: Laney Klipphahn)
Elisabeth ist die Protagonistin einer sehr emotionalen und tragischen, unerfüllten Liebesgeschichte. Alles, was davon übrig geblieben ist, hängt im Schwebezustand an einem langen Holzstock und bewegt sich unkontrolliert wie Blätter im Wind, darunter ein Ring, eine verwelkte Rose und Liebesbriefe.



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Elisabeth

 
Helene Braun (von: Sarah Helmus)

Helene verlor, während des Ersten Weltkrieges, ihren siebenjährigen Sohn an Fieber. Sie trauerte ihr Leben lang um ihn, was in ihrer Ästhetischen Biografie zum Ausdruck kommt.



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Karl (von: Marc Leibold)


Karl ist ein deutscher Soldat, von dem nur noch eine Holzkiste mit einem Foto und mit Briefen an seine Familie während seiner Soldatenausbildung sowie Briefen an seine Frau während des Krieges übrig geblieben sind.



Karl




Brief an seine Familie während der Ausbildungszeit:

Liebe Familie,
ich hatte vor dem Antritt meiner Grundausbildung bereits gewisse Erwartungen und ich wusste, dass es nicht leicht wird. Allerdings ist es um einiges anstrengender und erschöpfender als ich gedacht hatte. Aber man merkt schon, wie der extreme Drill einen beeinflusst: durch die Woche Intensivtraining sind die Leute um einiges fokussierter und ernsthafter geworden. Darüber hinaus merkt man, wie die Übungen Effekt zeigen. Am Anfang war man schon von den Vorübungen völlig am Ende, mittlerweile hält man tatsächlich bis zum Ende durch. 
Ich freue mich schon, Euch nach meiner Ausbildung wiederzusehen.
In Liebe,
Euer Karl



Brief an seine Familie während des Krieges:



Liebe Familie,
die Situation an der Front ist im Moment sehr kritisch, wir werden momentan sehr stark zurückgedrängt und erleiden starke Verluste. Auch in den nächsten Tagen und Wochen ist mit starken Angriffen der Gegner zu rechnen. Doch unser General hat sich mit den anderen zusammengesetzt, um eine mögliche Flankierung oder einen Hinterhalt vorzubereiten, mit der wir das Schlachtfeld definitiv weiter in ihre Richtung verlagern könnten.
Ich hoffe, das alles wird bald sein Ende finden…
In Liebe,
Karl

Brief an einen Freund:

Sie sind auf dem Weg zu euch. Pack am besten schnell alles zusammen und zieh zu deiner Großmutter. Unser Spitzel hat uns letztens eine Nachricht überbracht, dass deren General einen Angriff auf deine Stadt plant, wir wissen nur noch nicht genau, wann. Also mach dich schnell auf und sag am besten auch den anderen Bescheid!

Evelyn Francis Pierce (von: Nelli Hamutova)


Evelyn ist eine während des Ersten Weltkrieges zurückgelassene US-amerikanische Ehefrau. Die Ästhetische Biografie enthält nicht bloß alte Fotos und persönliche Gegenstände, sondern auch ihre Geburtsurkunde, einen Briefwechsel zwischen ihr und ihrem Mann Nicholas sowie ihre Todesurkunde.

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Brief an ihren geliebten Nicholas:
                                

November 2nd, 1918
Dear Nicholas,
there are many times I think about you,
When will you come home to me? Bring me back the same man I gave to my country.
You must do this for your father, your mother and me – and most of all for the family we will be once you’ll come back.
Dear, I don´t know when we will see each other again, but I am begging you to survive. If not for you, do it for the ones you have left behind.
I pray that you will come bac  to me and love you with all my heart.


Yours,
Evelyn




 

Kevin Clinton (von: Meiko Krischer)
Clinton ist ein noch heute lebender, ehemaliger US-Präsident, dessen vielfältige Facetten als Präsident, aber auch als Privatperson und Familienvater, in seiner Ästhetischen Biografie auftauchen. Durch digitale Bildbearbeitungen von Fotos des Schauspielers Kevin Spacey aus der Serie House of Cards und die Zusammenstellung gefälschter Dokumente und gesammelter Gegenstände wird mit Wahrheit und Fiktion gespielt und der Betrachter hinters Licht geführt.
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Einblicke in die verschiedenen Arbeitsprozesse der Schülerinnen und Schüler



(…)


„Forschertagebuch Tag 4


Heute werden wir Papier mit Kaffee bearbeiten, um zu untersuchen, ob es besser als Erde ist und um Papier alt aussehen zu lassen und um Papier weiter mit Feuer zu behandeln.
Wir haben das gebleichte und ungebleichte Papier zum einen mit Kaffee behandelt, zum anderen in Kaffee eingelegt. Die Bearbeitung des Papiers mit trockenem Kaffee funktionierte überhaupt nicht, der Kaffee blieb nicht auf dem Papier und es trat keine Verfärbung ein. Also befeuchteten wir das Papier und behandelten es mit Kaffeepulver. Dies funktionierte mäßig gut, das Papier färbte sich nur ein wenig. Also legten wir das Papier in Kaffeelösung ein. Dies war unser erfolgreichster Versuch, das Papier wurde deutlich verfärbt und sah realistisch alt aus. Diese Methode wirkt auf mich von allen, die wir getestet haben, am besten, um Papier alt aussehen zu lassen. Also werde ich diese Methode verwenden, um in meinem Projekt Dokumente und Bilder auf alt zu trimmen. (…)“
                                        
Lucas Kracht


„(…) Als Präsentationsobjekt habe ich mir von meiner Schwester einen über 100 Jahre alten und antiken Geigenkoffer aus Holz geliehen. Er passt also in die Zeit und zu Lilian C. Erans, da sie Violine gespielt hat, wie aus den Briefen hervorgeht.(…) Für die beiden Briefe habe ich sehr dünnes Papier mit nassen Kaffeepads eingefärbt. Mit Kaffeepulver wurde die künstliche Vergilbung nicht stark genug. Ich habe um die zwanzig Briefumschläge mit der gleichen Methode bearbeitet. (…) Bei den Fotos bin ich wie bei den Briefen vorgegangen. (…)Die Briefe und Fotos befinden ich in einer Holzkiste, die ich mit verdünnter Farbe gestrichen habe, damit diese älter wirkt. Die kleine Tasche habe ich bei meiner Oma im Keller gefunden. Durch die Form und den Verschluss wirkt sie typisch für das 20. Jahrhundert. Ich habe sie mit ein paar Perlen bestickt, damit die Tasche edler und schicker wirkt, da die beiden Figuren aus wohlhabenden Familien stammen. Allerdings hatte ich ursprünglich ein feineres Muster mit Roccailperlen vorgesehen. Durch den harten Stoff war dies für mich allerdings nicht umsetzbar und daher habe ich mich für größere Wachsperlen entschieden. Das Ergebnis gefällt mir letztendlich sehr gut, da die Perlen die Tasche optisch aufwerten.
Aus Fimo Air habe ich einen Kettenanhänger und eine Rosenbrosche modelliert. Es war anfangs ungewohnt, mit dem Material zu arbeiten und es bindet nicht gut zusammen. Dadurch sind zwei Rosenblätter nach dem Trocknen auch abgebrochen. Diese habe ich wieder angeklebt. Ich habe die beiden Teile mit Nagellack lackiert, da mich der Effekt des roten Lackes an Emaille erinnert. Durch den Effektlack wirkt die Farbe des Anhängers als würde sie anfangen, zu bröckeln. Ich habe alles mit einem Klarlack versiegelt, damit nichts klebt und mit Emaille glänzt. (…) Der Schmuck ist ein Geschenk von Henry aus den Anfängen der Beziehung. 
Die Puppe soll aus Lilian C. Erans´ Kindheit stammen und mit dieser verband sie viele besondere und schöne Familienerinnerungen. Sie hat sie mit nach Cambridge zu Henry genommen. Den Körper der Puppe habe ich aus weißem Jerseystoff zugeschnitten und von Hand genäht. Das Kleid habe ich aus zeitlichen Gründen zu Hause mit der Nähmaschine fertig genäht. Das Gesicht ist mit Stofffarben aufgemalt und die Haare habe ich mit Wolle und einer Nadel am Stoff festgeknotet. 
Die Vase habe ich bei der Metro auf einem Flohmarkt gekauft. Ich habe sie nicht verändert, da sie alt und durch das Material und die Verzierung edel wirkt. Ich kann mir gut vorstellen, wie Lilian in diese selbst gepflückte Gänseblümchen von Henry gestellt hat. Die Verzierungen erinnern an die Emaille des Schmucks.
Ursprünglich wollte ich aus einem alten, rosafarbenen, ziemlich großen Unterkleid durch einige Abänderungen ein Kleid nähen, das ein Geschenk von Henry sein sollte. Leider hat die Zeit dir Umsetzung nicht zugelassen.“
                                        
Luisa Alzer

„(…)

Meine nächste und größte Schwierigkeit fand sich in dem Portrait, welches ich von Helene Braun anfertigen wollte: es sollte möglichst naturalistisch aussehen. Hierbei hat mir der Tipp, die Strukturen des Gesichtes aus den Schattierungen rauszuarbeiten, sehr geholfen. 
Um alten Schmuck etc. zu kaufen, bin ich dann auch auf den Flohmarkt gegangen, wo allerdings eher neue Sachen verkauft wurden und erst an einem eher abgelegenen Stand ein paar ältere Sachen verkauft wurden. Da habe ich mich letztendlich für das Schmuckkästchen und das Parfüm entschieden. (…)
                                   Sarah Helmus

„(…)  Ich habe mich sehr früh mit dem Briefpapier beschäftigt und war umso überraschter, dass die ersten Versuche nicht geglückt sind.
 Es ist wichtig, dass das Papier mit starkem Kaffee behandelt wird, da dadurch eine intensivere, verbrannte Oberfläche entsteht. Ich brauchte einige Anläufe, das Papier so zu präparieren, dass das Dokument farblich alt aussieht. (…) Das Papier war schon in unbeschriebenem Zustand so beansprucht, dass die Schrift, die mit Kalligraphiefedern und wasserfester Tinte geschrieben wurde, die Tinte teilweise unschön aufsaugte. Das hinterließ teilweise unschöne Stellen, die retuschiert werden mussten. Zudem war es auch zunächst keine gute Idee, das Papier, welches beschrieben wurde, nochmals mit Kaffee zu behandeln, da der oben genannte Effekt zusätzlich verstärkt wurde.
Im Nachhinein sieht das Papier jedoch noch mitgenommener aus als zuvor, was den Zweck jedoch auch erfüllte.
Am Ende wurde das Papier nur noch gefaltet, geknickt, zerquetscht und in die Briefe gelegt, damit diese starke Gebrauchs- und Abnutzungspuren hinterließen.(…)
Das Portrait von Rosalinde zu zeichnen hat am längsten gedauert und war damit am zeitintensivsten. Ich hatte keine konkrete Vorlage und habe größtenteils versucht, meine Tischnachbarn abzuzeichnen. Durch sie war es erst möglich, Hell-Dunkel-Kontraste in das Portrait einfließen zu lassen.
Lediglich für die Locken musste ich mir per Internet einen Überblick verschaffen, wie in den 1940er Jahren typische Frisuren aussahen und sich verhielten.(…)
                         Jennifer Borgart


„Tagebucheintrag Nr. 5

Das neue Selbstportrait gefällt mir besser. Ich werde es weiter bearbeiten. Der Fokus soll hierbei auf der Plastizität liegen.



Tagebucheintrag Nr. 6

Heute habe ich weiter an meinem Selbstportrait gearbeitet. Dabei sieh es sehr ähnlich wie ich aus. Desweiteren habe ich mir erste Gedanken gemacht, wie ich das Portrait alt aussehen lasse. (…)

Tagebucheintrag Nr.12
Heute habe ich den Hintergrund meines Portraits mit einer leichten, hellbraunen Farbe angemalt, damit es älter aussieht. Bevor ich angefangen habe, es anzumalen, habe ich auf einem Schmierblatt den Effekt der Wasserfarbe getestet. (…)



Tagebucheintrag Nr. 13

Heute habe ich eine Tasche verfremdet. Dazu habe ich die Tasche mit einer braunen Farbe angemalt. Desweiteren habe ich mit einer Schere Löcher in die Tasche geschnitten, damit der Effekt der Verfremdung noch effektiver hervorscheint. Außerdem habe ich einen Brief des Künstlers geschrieben, damit er zu der Geschichte seiner Frau passt. Dazu bin ich raus gegangen, um den Brief in Erde zu legen, darüber hinaus habe ich den Brief in eine Pfütze gelegt, damit er so aussieht, als ob der Künstler ihn bewusst seiner Frau übergeben wollte, ihn  aber im Wald verlor. Desweiteren habe ich mir überlegt, die Tasche mit Erde und alten Blättern zu füllen.“ (…)
                                        

Atdhe Zekay



Evaluation des Projektes durch die Schülerinnen und Schüler (Auszüge)

„(…) Anfangs konnte ich mit dem Thema wenig anfangen. Was bringt mir so etwas? Wieso macht man sich Arbeit für so ein komisches Thema? Das waren Fragen, die mir zu Beginn des Projektes durch den Kopf geschwirrt sind. Mittlerweile habe ich Spaß am Gestalten und Nachstellen. Sich einen Menschen aus der Vergangenheit zu suchen und sich in ihn hineinzuversetzen war schwer für mich.(…) Dennoch macht es sehr viel Spaß, sich einem anderen – fremden – Menschen zu widmen und sich in dessen Schuhe zu stellen. Man lernt, wie sich diese Person fühlen könnte. Ich -als Schöpfer Elisabeths- versetze mich in sie hinein und merke, wie es ihr überhaupt gehen muss. Man erschafft mit der Methode der ästhetischen Biografie Menschen, die ein Leben hatten, was man sich entweder wünschen oder niemals wollen kann. Meine Elisabeth und mein John sind durch eine schreckliche Zeit gegangen, welche ich definitiv niemandem wünschen würde. Ihre Briefe und ihr Verhalten ist ein Prozess, der das Ganze in eine alte Zeit schiebt und es entsteht eine Distanz, welche zugleich erschreckend und atemberaubend ist. Irgendwann ist es auch meine Zeit und nach 200 Jahren wird es mich nicht mehr geben. Durch den Prozess der fiktiven Biografien erweckt man Menschen zum Leben, welche es zwar noch nie so gegeben hat, aber man gibt ihnen und ihrer Geschichte Bedeutung, und das ist ein Phänomen mit einer riesigen Bedeutung auch für mich als Einzelner.“
Laney Klipphahn

Die Ästhetische Biografie einer oder mehrerer Personen herzustellen, war definitiv eine große Herausforderung, sowohl im schriftlichen, als auch im künstlerischen Sinne.
Sie befasst sich nicht nur mit den verwendeten Gegenständen, die für einen Teil einer Lebensgeschichte notwendig sind, sondern auch mit der Psyche des Protagonisten, bzw. in meinem Fall der Protagonisten selbst.
Durch diese Psyche, bzw. durch die Persönlichkeit der Personen wird oder besser gesagt kann das Kunstwerk eine bestimmte Nachricht an den Betrachter des Kunstwerkes vermitteln.
Die tragische Liebesgeschichte in meiner ästhetischen Biografie hat mich selbst beschäftigt.
Es handelt sich um eine junge Mutter, die alleine mit einem Kind auf dem Arm und ohne jegliche Unterstützung von ihrem Partner in der verzweifelten, hoffnungslosen Angst steht und sich alleine fühlt, Panik bekommt und nicht weiß, wo, wie und wann sie sich Unterstützung suchen kann. Sie vermisst ihre wahre Liebe, ihren Gleichgesinnten, in einer Zeit, wo die Gesellschaft bzw. das Volk unter einer menschenunwürdigen, nationalsozialistischen Ideologie lebte und danach handeln musste. Wie sollte man sich unter solche einem sozialen Druck wohl fühlen, geschweige denn als ein Mensch, der die Schrecklichkeiten der NS-Ideologie erkennt, dies ohne soziale Unterstützung bewältigen? Sich auf die Suche nach dem eigenen Ehemann zu machen ist dann ziemlich mutig, da die Rolle der Frau zu der Zeit nicht die war, die zu unserer heutigen Zeit gelten würde.
Zurückblickend würde ich sagen, dass diese Briefe, welche in diesem Werk im Fokus stehen sollten, dies auch wirklich tun. Um das, was das Werk aussagen sollte, wirklich zu sehen, muss man in diese Briefe von Walter eintauchen, muss man die wichtigsten Aspekte wissen und sie mit diesen beschäftigen. (…) Sie versucht verzweifelt, ihren Ehemann zu finden, da sie ein Kind mit ihm hat und er es durch die Zeitspanne (ein Jahr) nicht wissen kann, wenn diese Briefe , welche sie schrieb, immer wieder zurückgekommen sind. Sie schleppt Walters Fliege, das Buch, was Walter ihr aufgrund des Fluchtplans zugeschickt hat, das Kinderspielzeug, die Geburtsurkunde des gemeinsamen Kindes sowie auch andere Dinge von Walter und sich mit, weil Rosalinde es eilig hatte und es für nötig betrachtete, all dies mitzunehmen.
Es sieht vielleicht nicht auf den ersten Blick von besonderer Wichtigkeit aus, jedoch lohnt es sich für manch einen, zwischen den Zeilen zu lesen.
Die Präsentationsform auf einer Kork-Pinnwand ist nicht grundlos gewählt, weil diese gerade den Moment zeigen soll, wo man die Verknüpfungen zwischen dem klar Ersichtlichen und den durch die Briefe zu entdeckenden Informationen herstellen soll. Dabei kann sich der Betrachter gerne vor einem schwarzen Organisationsbrett, wie ein Polizist, der versucht, den Tatort zu strukturieren o. Ä., fühlen. Der Ordnungsprozess ist also komplett im Gange oder läuft dann schon ab.
Für mich war diese Art zu arbeiten recht ungewöhnlich. Ich arbeite an einem Thema so lange, bis das, was ich geleistet habe, mir gefällt. In dieser Arbeit waren so viele kleine Arbeiten, die zusammen das Große und Ganze ergeben, dass diese Art und Weise, wie ich normalerweise vorgehe, nicht funktioniert. Man kann sich nicht so sehr auf eine bestimmte Sache explizit konzentrieren, da das Gesamtprodukt einen logischen Sinn ergeben muss.
Trotz allem denke ich, dass so sorgfältig wie möglich gearbeitet habe, den Betrachter versucht habe, durch meine Objekte hinters Licht zu führen und sie durch die Verfremdungen zu der Zeit passen, in welcher dieses Werk gefunden worden ist.
Ich hoffe, dass ich durch meine selbst gemachten Objekte eine gute Kombinationsmöglichkeit mit den gekauften Objekten geschaffen habe und so die eigentliche Geschichte zweifelsfrei verständlich und erkennbar ist.“
Jennifer Borgart

"Im Nachhinein komme ich zu dem Schluss, dass das Projekt sehr interessant war. Jack the Ripper war eine spannende Persönlichkeit, da man viel über seine psychische Krankheit erfährt. Ich habe viel über verschiedene Methoden zur Behandlung von Papier gelernt, um es älter aussehen zu lassen. Ich fand es nur sehr schade, dass eine meiner Zeichnungen, für die ich drei Stunden gebraucht hatte, im Kunstraum verloren ging. Zudem hätte ich im Nachhinein vielleicht etwas weniger Zeit in Nachforschungen zur Behandlung von Papier investieren sollen und stattdessen schneller mit der Biografie beginnen sollen. Denn insgesamt hat die Zeit leider nicht gereicht, um das große Projekt zu verwirklichen, das ich mir vorgestellt hatte.“
                                    
Lucas Kracht

"Mir hat das Projekt viel Spaß gemacht, da wir in der Gestaltung frei waren und jeder das machen konnte, was ihm Spaß macht und auch gut kann. Die Umsetzung ist mir gut gelungen und ich bin mit meiner Arbeit zufrieden.
Ich hatte allerdings Schwierigkeiten, mich in die Arbeit einzufinden, eine Vorstellung von dem zu bekommen, was ich machen möchte und mich mit diesem anzufreunden, da es doch etwas anderes war.
Letztendlich hat mir auch die intensive Auseinandersetzung mit der Zeit gefallen und es sind viele gelungene Arbeiten entstanden.“
                                    
Luisa Alzer

im Prozess, der das Ganze in eine alte Zeit schiebt und es entsteht eine Distanz, welche zugleich erschreckend und atemberaubend ist. Irgendwann ist es auch meine Zeit und nach 200 Jahren wird es mich nicht mehr geben. Durch den Prozess der fiktiven Biografien erweckt man Menschen zum Leben, welche es zwar noch nie so gegeben hat, aber man gibt ihnen und ihrer Geschichte Bedeutung, und das ist ein Phänomen mit einer riesigen Bedeutung auch für mich als Einzelner.“
                                   
Laney Klipphahn